
Stephan Dudeck
Berlin, Deutschland; Tartu, Estland; und Rovaniemi, Finnland
Wenn Forschung Sie nicht überrascht, ist sie es nicht wert, betrieben zu werden, hörte ich einmal die kanadische Anthropologin Julie Cruikshank sagen. Ich glaube, das war einer der Gründe, warum ich Anfang der 1990er Jahre in Berlin Anthropologie zu studieren begann. Ein weiterer Beweggrund war, der kolonialen Geschichte des Fachs und den politischen, ökonomischen, aber auch epistemischen Herrschaftsformen entgegenzuwirken, die es für indigene Völker weltweit mit sich gebracht hat. Aus dieser Perspektive war es nur konsequent, den postsowjetischen Norden zu meinem Forschungsfeld zu machen, um meine Wahrnehmung der sowjetisch-deutschen Verbindung zu hinterfragen, die »andere Seite der Pipeline« in den Blick zu nehmen und solidarische Forschungsbeziehungen mit indigenen Partnern in Westsibirien aufzubauen. Als Kollektiv gleichgesinnter Studierender versuchten wir zunächst, Chanty-Aktivisten aus Sibirien nach Deutschland zu bringen, um ihnen zu helfen, gegen den Angriff der Ölindustrie auf ihr Land und die Umweltzerstörung zu kämpfen, anstatt selbst dorthin zu reisen. In den folgenden Jahren wurde ich eingeladen, mit meinen indigenen Freunden zusammenzuarbeiten und von ihnen über die Rentierhaltung, über Beziehungen zu Industrie und Mehrheitsgesellschaft sowie über ihre Vorstellungen von Sozialität und Beziehungen zu Nichtmenschen zu lernen. Im Auftrag indigener Partner sammelte ich mündliche Überlieferungen und dokumentierte indigene Rituale, insbesondere die Bärenzeremonie der Ost-Chanty. Vor einigen Jahren wechselte ich als Forscher und Assistenzprofessor an die Europäische Universität in St. Petersburg. In Russland zu sein, erleichterte die Zusammenarbeit mit Forschungspartnern, doch diese Beziehungen wurden durch Russlands Krieg gegen die Ukraine zerrissen und unterbrochen. Verbindungen und Hinterlassenschaften zu bewahren und alles zu tun, um gegen den Krieg und seine Folgen für die Völker der Arktis anzukämpfen, ist jetzt die dringendste Aufgabe. Ohne zirkumpolare Solidarität und das Lernen von indigenen Formen des Beziehungsaufbaus, von Sozialitäten und Epistemologien, wird dies meiner Ansicht nach nicht möglich sein.
Co-Creation-Projekte:
- Serie zu Ethik und Methoden in der transformativen Arktisforschung
- Workshop zu Ethik und Methoden in der transformativen Arktisforschung (WEMA) II
- Eine Woche des Austauschs: Ethik und Methoden in der transformativen Arktisforschung (WEMA) III und abschließende Zusammenkunft von DÁVGI
- DÁVGI – Co-Creation für biokulturelle Vielfalt in der Arktis
- CO-CREATE EU-Leitfaden zum Förderprogramm
- Arctic Science Summit Week (ASSW) 2021: Die Arktisforschung gemeinsam mit indigenen Rechteinhaber*innen mitzugestalten – nachhaltiges Wissen
- Arctic Science Summit Week (ASSW) 2023: Arktisforschung gemeinsam mit indigenen Rechteinhaber:innen ko-kreieren
- Arktischen Wandel wahrnehmen: Klima, Gesellschaft und Nachhaltigkeit (PACCSS-Workshop)
- 10. Internationaler Kongress der Arktischen Sozialwissenschaften (ICASS X) – Die Zukunft der Arktis durch die Einbindung indigenen Wissens und Wissensko-Produktion gestalten
- Potsdam Summer School 2023
- Handlungsempfehlungen für ICARP IV
- Arctic Congress 2024