Wissensproduktion hat immer einen dialogischen Charakter

„Dieses Stück ist ein gutes Beispiel dafür, wie indigene Partner mir etwas über Co-Kreation beibringen, über das tiefe Zuhören, das dafür nötig ist, und darüber, dass Wissensproduktion immer einen dialogischen Charakter hat.“

Ich wollte einen Ausschnitt aus einem Film teilen, den wir 2013 gemeinsam mit indigenen Geschichtenerzählerinnen und -erzählern in Westsibirien gemacht haben und in dem eine Freundin von mir, die Linguistin Agrafena Pesikova, die Rolle von Wissenschaftlern und ihr Eindringen in den Glauben der indigenen Gemeinschaften sehr kritisch hinterfragt.

Dieses Stück ist ein gutes Beispiel dafür, wie indigene Partner mir etwas über Co-Kreation beibringen, über das tiefe Zuhören, das dafür nötig ist, und darüber, dass Wissensproduktion immer einen dialogischen Charakter hat.

„Das Ritual der schamanistischen Trance verschwindet praktisch. Es wird nur noch sehr selten ausgeführt und dann nur im äußersten Notfall. Anscheinend beschäftigen sich ernsthafte Leute, Wissenschaftler, damit. Warum gehen sie nicht und beschreiben eine Falle!? Aber sie dringen in die spirituelle Kultur ein. Wozu? Auch die Priester frage ich nicht, welche Art von Christentum sie dort haben. Aber sie beginnen, in der Seele zu graben. Was brauchen sie dafür? Viel besser wäre es, wenn der Wissenschaftler eine Falle oder eine Rentiergruppe oder Kleidung beschriebe. Das wäre doch eine großartige Leistung, oder? Aber sie dringen in etwas ein, von dem sie nichts wissen. Sie sind nicht in der Lage, es zu verstehen. Die technogene Gesellschaft ist russischsprachig und in erster Linie auf das Christentum ausgerichtet. Das Christentum ist allerdings eine Religion der Rahmen. Das heißt, es ist durch Erlaubtes und Verbotenes begrenzt. Es steckt alles in einen bestimmten Rahmen. Der Paganismus ist komplexer. Er steckt nicht in Schubladen, sondern verbindet alles: menschliches Handeln und die spirituelle Welt, Kultur und Kleidung – er umfasst alles. Dem Heiden fällt es schwer, sich in diese Rahmen einzufügen. Deshalb haben wir diese offene Zurückhaltung entwickelt, oder diese zurückhaltende Offenheit.“

Referenz:

Agrafena Pesikova, 23:35 Min., Before the Snow von Christian Vagt

Agrafena Pesikova, Standbild aus Before the Snow, 2013, von Christian Vagt, mit freundlicher Genehmigung von Agrafena Pesikova wiedergegeben, © Christian Vagt

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